Deutschland (vollständiger Text)

Definitionen, Häufigkeiten und Ursachen von Gewalt in Deutschland

Thomas Jäger

Hier finden Sie eine kurze Einführung in den Gewaltbegriff, die Gewaltsituation sowie einen Überblick zu den Ursachen von gewalttätigem Verhalten. Eine Vielzahl weiterer Informationen haben wir im Bereich "Allgemeine Grundlagen" in unserer deutschen Linksammlung bzw. "Basics" in unserer internationalen Linksammlung zusammengestellt. Aktuelle Nachrichten zu Projekten, Forschungsergebnissen, Veranstaltungen, Fernseh- oder Radiosendungen und Vieles mehr finden Sie in unseren deutschen News sowie in unseren internationalen News.

 

Definition

Wie in anderen Ländern auch gibt es in Deutschland keine einheitliche Definition des Begriffs "Gewalt". Häufig wir nicht unterschieden zwischen "Gewalt", "Aggression" oder "Mobbing", Diese Phänomene sind zwar durchaus verwandt, jedoch nicht gleichzusetzen. In einigen Studien wird "Gewalt" überhaupt nicht definiert und ein breiter Gewaltbegriff zugrundegelegt, der verschiedene Unterformen von Gewalt, wie physische Gewalt, verbaler Druck, sexuelle Belästigung oder sogar strukturelle Gewalt umfasst.

Der Gewaltbegriff hängt ferner von dem Forschungsgebiet ab, in dem eine Studie durchgeführt wird (Schäfer and Korn, 2000). Während in psychologischen Studien Gewalt meist als eine Unterform von Aggression angesehen wird, wird in erziehungswissenschaftlichen Untersuchungen umgekehrt Aggression oft als eine Unterform von Gewalt betrachtet (vgl. Vieluf, 1993). In soziologischem und kriminologischem Kontext wird Gewalt allgemein als abweichendes Verhalten definiert.

Im Alltag wird Gewalt meist mit körperlichen Übergriffen oder kriminellem Verhalten assoziiert. Nach einer Studie von Schwind et al. (1995) bringen Schüler, Lehrer, Schulleiter oder Eltern vor allem Verhaltensweisen wie körperliche Übergriffe, Bedrohung mit einer Waffe, Erpressung oder Vandalismus mit Gewalt in Zusammenhang. Verbale Ausfälle, wie Beschimpfen oder Beleidigen, werden hingegen von sehr viel weniger Befragten mit Gewalt assoziiert.

Im Zusammenhang mit Gewalt in der Schule werden in den vergangenen Jahren statt des Begriffes "Gewalt" zunehmend die Begriff "Bullying" oder "Mobbing" verwandt, die im Deutschen u.a. mit "Schikanieren" oder "Stänkern" übersetzt wurden. "Bullying" oder "Mobbing" kennzeichnet eine Verhaltensweise, die sich nur teilweise mit "Gewalt" überschneidet und deren Schwerpunkt vor allem auf Gruppenaktivitäten liegt.

Stellvertretend sei hier folgende Mobbing-Definition genannt:

"Ein Schüler oder eine Schülerin ist Gewalt ausgesetzt oder wird gemobbt, wenn er / sie wiederholt und über eine längere Zeit den negativen Handlungen eines / einer oder mehrerer anderer Schüler oder Schülerinnen ausgesetzt ist. Negative Handlungen können begangen werden mit Worten (Drohen, Spotten etc.) durch Körperkontakt (Schlagen, Stoßen etc.) bzw. ohne Worte oder Körperkontakt (Gesten, Auschluß aus einer Gruppe etc.). Der Begriff des Mobbing wird hingegen nicht gebraucht, wenn zwei Schüler oder Schülerinnen, die körperlich bzw. seelisch gleich stark sind, miteinander kämpfen oder streiten. Es muß also immer ein Ungleichgewicht der Kräfte vorliegen." (Hanewinkel & Knaack, 1997, S. 34)

Häufigkeit

Wie im Abschnitt "Definition" deutlich wurde, gibt es in Deutschland keinen einheitlichen Gewaltbegriff. Darüber hinaus werden bei Studien verschiedene Erhebungsmethoden und –instrumente angewandt. Die Ergebnisse verschiedener Studien sind daher nur sehr bedingt vergleichbar, was bei der Interpretation von Daten unbedingt beachtet werden sollte.

Die Berichterstattung der Medien lässt häufig den Eindruck entstehen, dass gewalttätige Übergriffe - insbesondere durch Jugendliche - dramatisch zugenommen haben. Wissenschaftliche Studien können diesen Eindruck nicht bzw. nur teilweise bestätigen.

Sichtet man Studien der vergangenen Jahre ergibt sich insgesamt kein einheitliches Bild. Dies ist besonders auffällig, wenn man Studien zu Gewalt in der Schule und Studien und zu Jugendgewalt vergleicht. Während Gewalt im Schulbereich offensichtlich kaum zugenommen hat, ist bei Jugendgewalt europaweit eine Zunahme festzustellen.

Die Forschungsergebnisse zu Gewalt in der Schule sind eher widersprüchlich. Einige Untersuchungen kommen zu dem Schluss, dass Gewalt leicht zugenommen hat (Tillmann, 1997). Andere hingegen sehen keine bedeutsamen Veränderungen im vergangen Jahrzehnt (Wenzke, 1997). Kaum etwas deutet jedoch auf eine dramatische allgemeine Zunahme von Gewalt im Schulbereich hin. Vielmehr spricht einiges dafür, dass von der Zunahme einige Schultypen stärker betroffen sind als andere, und zwar in erster Linie Sonderschulen, Hauptschulen und Gesamtschulen mit sozial problematischen Einzugsgebieten (Schwind et al., 1995; Tillmann, 1997). Letzten Aufschluss über eine Gewaltzunahme können jedoch erst Längsschnittuntersuchungen geben, d.h. Beobachtungen der Gewaltsituationen über einen längeren Zeitraum hinweg, die gegenwärtig noch nicht vorliegen.

Bezogen auf Jugendgewalt allgemein, also auch Gewalt außerhalb des Schulbereichs, belegen die meisten Studien, dass gewalttätiges Verhalten vor allem zwischen Mitte der Achtziger Jahre und Anfang der Neunziger Jahre europaweit zugenommen hat. Daten der polizeilichen Kriminalstatistik sowie differenzierte Analysen von Daten zu Jugendgewalt und Jugendkriminalität (Mansel, & Hurrelmann, 1997) deuten auf eine massive Zunahme von gewalttätigem und kriminellem Verhalten in diesem Zeitraum hin. Zu bedenken ist dabei jedoch, dass diese Zahlen zum Teil auch auf eine erhöhte Anzeigebereitschaft in der Bevölkerung zurückgehen. Darüber hinaus können Statistiken auch durch eine Reihe anderer Faktoren beeinflusst werden, wie z.B. Veränderungen in der juristischen Definition von Gewalt, einer erhöhten Aufmerksamkeit der Medien oder sogar veränderten Erfassungsmethoden bei der Polizei (z.B. bedingt durch den verstärkten Einsatz von Computern) (Smith, 1999; Oswald, 1999). Tillmann (1997) räumt ein, dass sich der Anteil der Jugendlichen, die eine hohe Anzahl von Delikten zugeben, insgesamt nur geringfügig erhöht hat. Ferner handele es sich bei dieser Gruppe – früher wie heute – eher um eine Minderheit.

Einige exemplarische Aussagen seien hier abschließend genannt, die allgemeine Tendenzen, von Forschungsergebnissen zu den Bereichen Gewalt in der Schule und Jugendgewalt aufzeigen:

Schwerwiegendes kriminelles Verhalten kommt im Schulbereich sehr selten vor und ist eher untypisch für Gewalt in der Schule. (Fuchs et al, 1996, S. 9; vgl. Schäfer, 1996)

  • Gewalttätiges Verhalten in der Schule ist am häufigsten bei der Gruppe der 13-15 jährigen bzw. zwischen der 8. und 9. Klasse zu beobachten (Tillmann, 1997).
  • Verbale Gewalt ist die typische Form von Gewalt in der Schule in Deutschland. (Schäfer, 1996)
  • Jugendgewalt ist ein männliches Phänomen; die "Vormachtstellung" männlicher Straftäter hat seit Mitte der Achtziger Jahre deutlich zugenommen" (Pfeiffer & Wetzels, 1999; S.13)
  • Die von der Polizei registrierten Fälle von Jugendgewalt sind in den vergangenen Jahren nicht brutaler geworden; tatsächlich hat tendenziell die Härte der Delikte abgenommen (Pfeiffer & Wetzels, 1999; S.4)
  • Jugendgewalt lässt sich besonders bei Jugendlichen mit einem niedrigen Bildungsgrad beobachten wie auch bei Jugendlichen, deren soziale Situation durch Armut, schlechte Zukunftsperspektiven und schlechte soziale Integration geprägt ist (Pfeiffer & Wetzels, 1999).
  • Das bei jungen Immigranten registrierte Ausmaß von Jugendgewalt ist höher als bei deutschen Schüler. Dies ist vor allem auf deren unzureichende soziale Integration zurückzuführen (Pfeiffer & Wetzels, 1999).
  • Jugendliche, die in ihrer Kindheit von ihren Eltern geschlagen oder missbraucht wurden, werden in ihrer Jugend mit einer größeren Wahrscheinlichkeit gewalttätig als Jugendliche, die nicht geschlagen wurden (Pfeiffer & Wetzels, 1999, p.11).
  • Die Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe, die zu gewalttätigem Verhalten neigt, ist ein weiterer Faktor, der das Risiko für erhöht, dass Jugendliche gewalttätig sind (Pfeiffer & Wetzels, 1999, p.17).

Ursachen

Zahlreiche Studien in Deutschland wie auch in anderen Ländern zeigen, dass sich gewalttätiges Verhalten nicht auf eine einzelne Ursache zurückführen lässt. Man geht heute vielmehr davon aus, dass an der Entwicklung von gewalttätigem Verhalten eine Reihe von Ursachen bzw. Entstehungsbedingungen beteiligt ist, die in ihrem Zusammenwirken die Entwicklung von gewalttätigem Verhalten begünstigen. Kommen bei einem Kind oder Jugendlichen mehrere solcher ungünstiger Bedingungen zusammen, so erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass der Betreffende ein von aggressivem und gewalttätigem Verhalten geprägtes Verhaltensmuster entwickelt.

In den vergangenen Jahren konnten in deutschen Studien u.a. die folgenden Bedingungsfaktoren für gewalttätiges Verhalten identifiziert werden (Schäfer & Korn, 2001; Pfeiffer & Wetzels, 1999, Reinders, 1998, Funk, & Passenberger, 1997):

Familie

  • Gewalttätiges Verhalten der Eltern
  • Niederer sozialer Status der Eltern (Arbeitslosigkeit, Empfang von Sozialhilfe)
  • Inkosistentes Erziehungsverhalten

Schule

  • Besuch bestimmter Schultypen wie Hauptschule oder Sonderschule
  • Qualität der Ausbildung
  • Schulklima (Atmosphäre in der Schule, u.a. bedingt durch den Umgang zwischen Lehrern und Schülern, Angeboten in der Schule, Gestaltung des Schulumgebung
  • Autoritärer und restriktiver Unterrichtsstil

Persönlichkeit

  • Hoher Stimulationsbedarf
  • Niedrige Frustrationstoleranz

Sonstiges

  • Gewalttätige Peer Group (Gleichaltrigengruppe)
  • Sozialer Druck
  • Unzureichende soziale Integration von Immigranten
  • Einflüsse der Medien

Studien, die sich mit Opfern beschäftigen, identifizierten die folgenden Bedingungsfaktoren, die die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass Kinder oder Jugendliche zum Opfer von gewalttätigen Übergriffen und Mobbing werden (Lösel, Bliesener & Averbeck, 1997, Rostampour & Melzer, 1997, Tillmann, K.-J., 1997):

Familie

  • Restriktive Erziehung

Schule

  • Isolation in der Klasse

Persönlichkeit

  • Höhere Ängstlichkeit, Depressivität und weniger Selbstvertrauen als andere Schüler
  • Defensives Verhalten

Sonstiges

  • Weniger Freunde als andere Schüler

Literatur and Links

Bibliographie

Funk, W. & Passenberger, J., (1997), Determinanten derGewalt an Schulen. In Holtappels, H. G. , Heitmeyer, W., Melzer W.,& Tillmann K.J., (Hrsg.). Schulische Gewaltforschung. Stand undPerspektiven (S. 243-260). Weinheim: Juventa.

Hanewinkel, R. & Knaack, R., (1997). Mobbing: Gewaltpräventionin Schulen in Schleswig-Holstein. Kronshagen: LandesinstitutSchleswig-Holstein für Praxis und Theorie in der Schule (IPTS).

Lösel, F., Bliesener, T. & Averbeck, M., (1997). Erlebens- undVerhaltensprobleme von Tätern und Opfern. In H. G. Holtappels, W.Heitmeyer, W. Melzer & K.4. Tillmann (Eds.), Forschung über Gewaltan Schulen. Erscheinungsformen und Ursachen, Konzepte und Prävention(pp. 137-153). Weinheim: Juventa.

Oswald, H., (1999). Steigt die Gewalt unter Jugendlichen? In:Schäfer, M. / Frey, D. (Hrsg.) Aggression und Gewalt unter Kindern undJugendlichen. Hogrefe).
Download: mobbingzirkel.emp.paed.uni-muenchen.de/secure/ressourcen/data/oswald1.pdf

Pfeiffer, C. & Wetzels, P., (1999), The structure anddevelopment of juvenile violence in Germany. KriminologischesForschungsinstitut Niedersachsen, Forschungsberichte Nr.76.
Download: www.kfn.de/fb76.pdf

Reinders, (1998), Violence in schools. National activities, programmes and policies - Germany.
Download: europa.eu.int/comm/education/violence/docs/de-en.pdf

Rostampour, P. & Melzer, W., (1997). Täter-Opfer-Typologien imschulischen Gewaltkontext. Forschungsergebnisse unter Verwendung vonCluster-Analyse und multinominaler logistischer Regression. In: H.G.Holtappels, W. Heitmeyer, W. Melzer & K.J. Tillmann (Hrsg.)Forschung über Gewalt an Schulen. Erscheinungsformen, Ursachen undPrävention (169-190). München: Juventa.

Schäfer, M., (1996). Aggression unter Schülern. Report Psychologie 21, (9/96), 700-710.
Download: mobbingzirkel.emp.paed.uni-muenchen.de/secure/ressourcen/data/aggres1.pdf

Schäfer, M. & Korn, S., (2001), Tackling violence in schools: Areport from Germany.http://www.goldsmiths.ac.ac.uk/connect/reportgermany.html

Schwind, H.D., Citlak, S., Gielen, B., Gretenkordt, M., Raum, U.& Roitsch, K., (1995), Gewalt in der Schule - am Beispiel vonBochum. Mainz: Weißer Ring.

Smith, P.K., (1999). Aggression und Bullying in Schulen. In:Schäfer, M. / Frey, D. (Hrsg.) Aggression und Gewalt unter Kindern undJugendlichen. Hogrefe.
Download: mobbingzirkel.emp.paed.uni-muenchen.de/secure/ressourcen/data/Smith1.pdf

Tillmann, K.-J. (1997). Gewalt an Schulen: öffentliche Diskussionund erziehungswissenschaftliche Forschung. In H.G. Holtappels, W.Heitmeyer, W. Melzer & K.J. Tillmann (Hrsg.) Forschung über Gewaltan Schulen. Erscheinungsformen, Ursachen und Prävention (11-27).München: Juventa. (11-27)

Other basic texts

Stein, R., Gewaltprävention in der Grundschule. www.isl.uni-wuppertal.de/gsnew/stein.html

Jugend und Gewalt, (1994), Erscheinungsformen und Ursachen Berichtder Bayrischen Staatsregierung. Ausführliche Ausführungen zu Ausmaß,Erscheinungsformen und Ursachen von Gewalt. www.stmukwk.bayern.de/jugend/bericht/teil1/index.html

Wehr, H., (1996), Gewalt-Prävention in der Schule.Vortragsmanuskript und Schilf-Material. www.ph-heidelberg.de/org/phb/gewpraev.htm

 


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